Chronisch krank? Ein Fulltime-Job! Beispiel: Arzttermine ergattern



Hier kommt ein Stimmchen aus dem Off. Ihr denkt vermutlich: Ach, die Frau E., die sitzt schön an der Alster und erholt sich von dem einjährigen Streß. Und lernt schön in Ruhe Hamburg kennen. Ganz ehrlich: nach insgesamt über sieben Monaten kenne ich von Hamburg nicht gravierend viel mehr, als vor meinem Hinzug. Und das war nicht viel. Warum?

Die ersten Monate ging jedes Energie-Körnchen für die Wohnungssuche drauf. Das hat mich kartographisch geschult. Mal nett rumsitzen und erleben, wo ich jetzt eigentlich wohne, konnte ich nicht.

Nach dem finalen Umzug vergingen locker drei Wochen mit Auspacken und Räumen. Nicht, daß ich so viel besäße. Ich habe ja aussortiert wie eine Wilde letztes Jahr. Aber wenn man jeden Handschlag in einer neuen Wohnung alleine machen muß und vom Umzug so fertig ist, daß man nahezu nonstop krank auf Bett und Sofa dämmert, dauert das eben etwas.

Also wieder keine Zeit, meine neue Heimat zu erleben. Soll sehr schöne Ecken geben. Berichten mir zumindest meine Gäste von ihren Exkursionen.

Ich kenne vor allem viele Straßen, viele Ampeln, viele andere Autos. Und Haltestellen von Bus und Bahn kenne ich auch bereits einige. Nach dem groben Sortieren der neuen Bleibe, hätte ich endlich die schönen Ecken kennenlernen können. Doch das Einzige, das ich jetzt ganz genau kenne, ist einer der Hauptgründe, warum ich so viele Jahre gezögert habe, mein gewohntes Umfeld zu verlassen, obwohl das Klima dort mich unfaßbar schlimm gequält hat.

Ärzte.

Nicht, daß die Ärzte in Düsseldorf per se besser wären als anderswo. Aber ich hatte nach diversen Try-and-Error-Aktionen gute gefunden. Ärzte, die bereit sind, auch komplexe Fälle wie mich zu behandeln. Ärzte, die einen nicht entnervt aufgeben, weil keine Besserung zu erwarten ist. Ich hatte ein System, das fluppte. Und ich ahnte, es würde mich extrem viel Anstrengung und Nerven kosten, von Null zu beginnen.

Daß Facharzttermine in Hamburg zu ergattern, noch schwieriger würde, als eine Wohnung zu finden, ahnte ich zum Glück nicht. 


Und daß ich nach einem Jahr, in dem ich mich nonstop engagieren mußte, schon wieder nicht in meine Sofakissen plumpsen kann, um endlich zu verschnaufen, ahnte ich zum Glück ebenfalls nicht

Bei Wohnungen erhält man wenigstens mal einen Termin. Bei Ärzten nicht mal, wenn man jemanden kennt, der einen kennt, dessen Hund mit dem Arzthund in die gleiche Huta geht.

Bevor ich mir 44 Bewertungen bei jameda durchlese, von denen vermutlich diverse Ärzte 42 selber geschrieben haben, vertraue ich doch lieber Menschen, die sich schon mal in die Händer derer begeben haben. Meistens gibt es Tipps. Von fünf Tipps fallen 4 gleich wieder weg: einer praktiziert nicht mehr und drei sind locker 1,5 Stunden Gurkerei entfernt. Hamburg ist ja so klein denn nicht. Das wären 1,5h hin, 2h vor Ort, 1,5 zurück. Bei einer Energiespanne von maximal zwei Stunden. Finde den Fehler.

Einer bleibt. Und hört sich super an Nur kurz einen Termin ausmachen und fertig.

Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an. Diese sind...
ICH WEISS WIE DIESE SIND!

Timer stellen.
Inzwischen Facharzt 2 recherchieren.

Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
..

Patzige Stimme einer hörbar jungen Sprechstundenhilfe leiert den Arztnamen runter. Wie kann man so jung und schon so patzig sein?
Ich sage mein Sprüchlein auf.

Sind Sie schon Patientin?
Nein.
Herr-Frau-Dr-Dingens nimmt keine neuen Patienten auf.
Nie mehr?
Doch.
Und?
Und was?
Ab wann wieder?
Frühestens 2018.


2018 bin ich entweder tot oder hab das Problem alleine gelöst


Jetzt doch zu Jameda. Wenigstens gibt es dort eine Kartensuche. Die denken mit.
Nach der Lektüre von Bewertungen folgt die Analyse: Welche sind orthographisch durchgehend so korrekt, daß sie vermutlich von derselben Person geschrieben wurden. Wer jemals Facebook-Kommentarleisten durchlas weiß: Orthographie ist irgendwann in den 1970ern ausgestorben. Still und leise.

Dann noch die Ärzte streichen, die Oberkoryphäen sind. Wer Oberkoryphäe ist, verbringt seine Zeit meist mehr mit Honeurs, Tagungen und Privatpatienten. Und das bin ich ja dummerweise nicht. Mein Hirntumor bequemte sich unbequem zu werden, als ich in meiner Promotion an der Universität steckte. Hätte er ruhig mal noch ein paar Jahre warten können.

Anruf bei Facharzt 3.
Ich komme sofort durch. Allerdings nur bis in die Warteschleifenansage. Diese wiederholt sich alle 20 Sekunden.
Nachdem ich läppische 25 mal dem Text gelauscht habe, geht eine Dame dran.

Sind Sie schon Patientin?
(Ich traue mich kaum, was zu sagen. Vorsichtig hauche ich: ) Nein, leider noch nicht.
Pause.

Privat oder Kasse?
Kasse. (aka A..karte).
Im Hintergrund schlagen Terminkalenderseiten um.
Raschel, raschel, raschel, raschel, raschel.
Da hätte ich am 21. November wieder was frei.
November?!
Ja.
Wir haben Juni.
Ja.
Ich habe aber fiese Schmerzen und kann seit Tagen nur noch humpeln.
21. November.
Und wenn ich vorher einspringe, wenn jemand absagt?
21. November.

21. November. Na, da hätten wir ja schon mal einen Termin.
Löst zwar nicht im Geringsten mein aktuelles Problem, aber wer weiß, welche orthopädischen Beschwerden ich am 21. November so habe.

Ich bin erschöpft und möchte mich hinlegen. Geht aber nicht. Der Timer zum Sprechstundenbeginn piept. Ich werfe eine Migränetablette ein und greife zum heißgelaufenen Smartphone.

Zurück auf Los zu Facharzt 1


Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an. Diese sind bla bla und 15-18 Uhr.
Ich schaue auf die Uhr. Wir haben 15.15 Uhr.
Um 15.20 rufe ich wieder an.
Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an. Diese sind bla bla und 15-18 Uhr.
Um 15.30 rufe ich wieder an.
Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an. Diese sind bla bla und 15-18 Uhr.

Um 15.35 ist besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
Besetzt.
Anruf.
..

Da. Ein Freizeichen. Ein Freizeichen. Ooooh, ein Freizeichen.
Praxis Dr. Ding und Dong und Klang.
Sprüchlein aufsagen.

Dr. Ding nimmt zur Zeit keine neuen Patienten an. Ich könnte Ihnen in vier Wochen einen Termin bei Dr. Klang anbieten.
Na, super, Dr. Klang habe ich nicht recherchiert.

Wenn man einen Arzt in einer Gemeinschaftspraxis angeboten bekommt wie geschnitten Brot, ist es oft der junge Hase frisch von der Uni 


Und die übermotivierten Hasen frisch von der Uni haben meiner Erfahrung nach in der Regel nicht die geringste Vorstellung davon, daß der menschliche Körper nicht 1:1 so funktionert wie man es in den Thieme-Büchern so liest. Die meisten sagen zu allem, das man als Symptom berichtet "Das kann nicht sein."

Wenn man irgendwann mal einen Arzt tot im Sprechzimmer findet, nachdem ich einen Termin hatte, dürften seine letzten Worte bekannt sein.

Während die Dame redet, klicke ich schnell die Webseite der Praxis auf. Und siehe da: Der schmucke Hase ist höchstens 30. Wenn denn überhaupt. Behandeln dürfte der mich gerne mal. Nur nicht als Arzt.

Seine Vita liest sich auch zu stromlinienförmig für meine unstromlinienförmige Anamnese. Experimente dieser Art kann ich mir zeitlich und nervlich nicht erlauben. Ich verstehe ja, daß alle direkt von der Uni erst lernen müssen. Habe ich ja selber in meinem Berufsbereich auch gemußt. Und ich ahne, wie sehr ich meine Kollegen damit gequält habe. Wenn ich aber jetzt einen Monat auf diesen Arzt warte und dann bewahrheiten sich meine Befürchtungen, stehe ich wieder bei Null. Und das kann ich als Dienst an der ärztlichen Alltagserfahrung nicht leisten.

Ziemlich zerknirscht lehne ich ab und falle aufs Bett. Migräne kurieren. Erschöpfung kurieren. Frust kurieren.
Wieder ist ein kompletter Tag mit Krankheitsadministration vergangen. Genauso wie gestern. Und vorgestern. Und vorvorgestern.

Ich habe mich seit Wochen weit über meine Kräfte ausgepowert, um Gesundheitsthemen zu administrieren und bei Ärzten unterzukommen. Alles andere mußte liegenbleiben. Zum ersten Mal im Leben erhalte ich Mahnungen. Und was ist das Ergebnis? Ein Termin Mitte November. Und zwei bereits absolvierte Termine mit ohne Ergebnis.

Ach ja doch eines: ich soll bitte vor der Weiterbehandlung folgende zwei bis drei Fachärzte aufsuchen und dieses und jenes untersuchen lassen. Und dann zurückkommen. So kann man Patienten hervorragend für mindestens ein halbes Jahr loswerden.

Und dann fällt mir plötzlich etwas ein: Es gab doch mal eine Gesetzesänderung, nach der man innerhalb von vier Wochen einen Facharzttermin bekommen soll. Das muß ich gleich mal recherchieren.
Und was dabei wieder alles so passiert ist, das erzähle ich Euch beim nächsten Mal. 

P.S. Diesen Text tippte ich, während ich in einer Arzttelefonwarteschleife hing. Komplett. Mit Fotobearbeitung. Das hat einen Amoklauf verhindert.


Kommentare :

  1. Liebe Pia, ich habe Tränen gelacht! Dabei geht es mir mit nur einem Arzt (bei dem ich ja auch schon Patientin bin) genau so. Es lebe das "gute" deutsche Gesundheitssystem. Ich drücke dir so sehr die Daumen, dass du mittels juristischer Recherchen tatsächlich schnell doch noch irgendwie an die benötigten Termine kommst. Und bis dahin denk ich an dich und wünsche dir viel Kraft zum Durchhalten. Falls du noch eine lustige Anekdote wünschst: Mein Mann rief bei einem neuen Zahnarzt an, er brauche einen Termin, die Füllung benimmt sich seltsam. Termin bekommen - erst mal zur Zahnreinigung (aber Füllung komisch - nee, erst mal Reinigung) in 8 Wochen. Vier Tage später wieder angerufen. Termin wird nicht mehr benötigt. Warum denn, wollte die Fachangestellte wissen. Das Problem hat sich von selbst gelöst. Wie jetzt? Das Problem, also die Füllung, hat sich gelöst. Sie ist ausgefallen. Ein anderer Zahnarzt wird eine neue einbauen. Ganz liebe Grüße aus dem Süden von Christine

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    1. Liebe Christine,

      ganz lieben Dank für Dein herzliches Feedback und die lustige Zahnarztstory! :-)

      Ja, es ist unfaßbar, was man als Chroniker Tag für Tag über Jahrzehnte durchmacht. Leider Gottes ist unser System - verglichen mit anderen Ländern - ja immernoch besser. Wobei ich mich hier langsam frage, ob Stockholm nicht doch.. ;-)

      Herzliche Grüße zurück in den Süden von

      Pia

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