Schwedisiert: Der menschliche Tannenbaum

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Seit einigen Wochen stehen sie in Stockholm an jeder Kasse: kleine Aufsteller mit Reflektoren, die man an seiner Kleidung befestigen kann. Lange Streifen, die sich von alleine um Arm oder Bein krallen. Und lustige Anhänger in jeglicher Form und Musterung.

Für Kinder, die unbedacht auf Straßen rennen, eine großartige Idee.

Für erwachsene Menschen, die jenseits größerer Städte mutterseelenallein im Dunkeln durch die Pampa marschieren, auch.

Aber für Erwachsene in Stockholm? Einer Stadt mit Millarden Lux? Wie oft rast denn ein Auto über den Bürgersteig?
Sagt sich der schwedische Autofahrer: Huch, mein Wagen rast ungesteuert über Eis. Auf den Bürgersteig zu. Aber da ist jemand mit einem Reflektor. Den kann ich natürlich nicht über den Haufen brettern.

Ich konnte mir also kaum vorstellen, daß die Dinger reißenden Absatz nehmen. Bis ich sie sah: die menschlichen Tannenbäume. Erwachsene, behängt mit Sternen, Mumins, Autos und anderen Formen. Die Ruhrgebietler unter den Schweden tragen Leoprint-Reflektoren. Wenigstens eine Reminiszenz an meine geliebte Heimat.

Kopfschüttelnd marschierte ich auf Bürgersteigen hinter strahlenden Herzen her.
Bis mir ein Verdacht kam: hier hat ja jeder Ohrenstöpsel oder Kopfhörer in den Ohren. Da hört man Autos natürlich nicht, wenn man die Straße überquert. Bevor der Stockholmer also seine Dinger aus den Ohren klaubt oder erst mal schaut, ob ein Auto naht, behängt er sich offenbar lieber von Kopf bis Fuß mit Reflektoren. Sollen die Autofahrer doch schauen, wie sie die Sterne und Herzen umkreisen.

Mit der Zeit entwickelte der Reflektoren-Terror ein Eigenleben. Ich kam mir vor wie jemand ohne Haftpflichtversicherung. Steter Tropfen höhlt den Stein. In einem besonders weichen Moment gab ich nach: OK. Ein so ein Dingen pappe ich mir an die Jacke. Aber nur eines. Und nur in Schweden.

Ich kaufte das Neutralste, das der Markt hergibt: einen simplen Streifen, den ich mir um den Arm klemmen kann. Gesagt, geklemmt.

Nach drei Minuten nervte mich der Druck. Wenn rechts was drückt und links nicht, dann ist das unsymmetrisch. Ich hielt mich für besonders pfiffig und klemmte das Ding um meine Gummistiefel. Da reflektierte es dann fröhlich vor sich hin. Zehn Minuten lang. Dann war es weg.

Vermutlich hätte ich es finden können. Reflektiert schließlich. Ich entschied mich, dies als Zeichen zu werten. Und ging weiter. Nachtblau auf Nachtblau.


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