Budapester Impressionen (1)


Drei Tage in einer Stadt, die so nah scheint und doch so viel Fremdes birgt.
Kürzlich wollte ich einmal ganz woanders hin.
Westeuropas Einheitsbrei entfliehen.
Egal, wo man aufschlägt, die gleichen Geschäfte, Marken und Restaurantketten.
Budapest schien perfekt.



Als das Band im Flieger in unverständlichem Genuschel die Sicherheitsvorkehrungen deklamiert, wird mir bewußt, daß ich zum ersten Mal seit zehn Jahren in ein Land reise, in dem ich mich nicht in der Landessprache artikulieren kann.
Spannend!

Voller Spannung hüpfe ich am Flughafen in einen Minibus.
Der wort- und lächelkarge Mann fährt wie der letzte Henker.
Das unterscheidet ihn schon mal nicht von den anderen Hundert, die mich auf dieser Welt bereits an meine Brechgrenze gefahren haben.
Oder darüber.

An der Autobahnauffahrt fällt mir ein Verkehrschild auf.
Es zeigt Fahrzeuge, die die Schnellstraße nicht befahren dürfen. Abgebildet sind ein Motorroller, noch etwas und... ein Pferdefuhrwerk.
Das kann ja heiter werden.

Die komplett andere Welt rast vor dem Taxifenster in Form von Firmenschildern an mir vorbei.
Praktiker, Müller Drogerie, DM, C&A, Lidl.
Ich denke kurz nach.
Als standby-reisende Lufthanseatin könnte man leicht am Automaten das falsche etix-Ziel bestätigen.

Nach dem üblichen „Ich tausche mein Zimmer so lange, bis sie einsehen, daß meine Bitte am Empfang kein Witz war„-Procedere plumpse ich aufs Bett.
Schön, daß das Hotel so zentral liegt.
So bin ich rund um die Uhr bestens über die Verkehrsverhältnisse in der Hauptstadt informiert.

Als es dunkel wird, zieht es mich raus in die Nacht.
Ich laufe an der Hauptstraße hinunter zur Donau.
Laufen ist zuviel gesagt.
Eigentlich bleibe ich alle zwei Meter mit offenem Mund stehen und bestaune die wunderschönen Jugendstilbauten.

Nahezu unberührt seit ihrer Erbauung, stehen sie im Dornröschenschlaf.
Schwarze Patina bedeckt ihren Putz.
Hier und dort fehlen dicke Brocken.
Und die Schaufenster der kleinen Geschäfte scheinen aus einer Zeit zu stammen, die ich nur aus Nachkriegsreportagen kenne.

Auf der anderen Straßenseite leuchtet ein Kaffeehaus seine anheimelnde Atmosphäre in die Nacht.
Ich möchte es aus der Nähe sehen. Nur wie?
Weit und breit keine Ampel, kein Übergang.
Nichts.

Vor mir ein rasendes Auto- und Busgewühl.
Suchend laufe ich die Straße bergab.
Einen halben Kilometer lang.
Dann sehe ich, wie andere Menschen im Untergrund verschwinden und lerne: Fußgänger immer unterirdisch.

Unten an der Donau verschärft sich die Situation.
Riesige Baustellen lassen weit und breit keinen Pfad für Nichtfahrer erkennen.
Wie ein angeschossener Hase hüpfe ich zwischen Zäunen, Baggern und ungesicherten Gruben zu einer offenen Stelle.

Kettenbrücke und Burg by night.
Schön.
Einmal „Knips“ und ich starte eine Art Geocaching zurück zum Hotel.

Am nächsten Tag steht das jüdische Viertel auf dem Programm.
Nach diversen Straßen und der Besichtigung der zweitgrößten Synagoge auf diesem Planeten möchte ich koscher Essen.

Neben der orthodoxen Synagoge zeigt ein Schild zum Restaurant „Hanna“.
Ich marschiere in den Hinterhof und schnurstracks hinein ins Restaurant.
Gähnende Leere.
Ich schaue durch eine Klappe in die Küche.
Ein bulliger Koch kommt zu mir in den Gastraum und sagt etwas, das ich mit dem beschämtem Lächeln des Nichtverstehens quittiere.

Auf Englisch frage ich, ob sie schon geöffnet haben.
Er grummelt etwas, macht eine Handbewegung, als würde er jemanden holen und verschwindet.
Dumm, wenn man die Landessprache nicht beherrscht.

Unschlüssig stehe ich im Halbdunkel des holzvertäfelten Raumes.
Die Speisekarte ist auf Hebräisch.
Hervorragend.
Gleich muß ich einer ungarischen Dame pantomimisch darstellen, was ich gerne essen würde.

Muß ich nicht.
Es kommt nämlich niemand.
Sie lassen mich einfach dort stehen.
Ab und zu sieht der Koch durch den Durchbruch kurz zu mir herüber.
Weiter passiert nichts.

Daß man beim Übertritt zum Judentum traditionell dreimal abgewiesen wird, ist mir bekannt.
Ich wußte nur nicht, daß dieser Prozeß auch fürs Essen gilt.

Aus Trotz kaufe ich mir später im Touristenviertel einen Veggie Delite bei Subway.
Das haben sie nun davon, denke ich, als die süße Schärfe von Sweet Onion meine Geschmacksknospen erigieren läßt.

© 2010 Texte und Bilder von Pia Ersfeld

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