Mit Midlife Crisis auf Reisen



Ich habe eine Midlife-Crisis.
Die hast Du schon, seitdem Du 25 bist, würden meine Freundinnen jetzt sagen.
Diesmal habe ich aber wirklich eine.

Noch wenige Wochen und ich werde 40.
Das ist so gut wie tot.

Es gibt Phasen, da bin ich ein Menschen-Freund.
Und Phasen, da bin ich das nicht.
Natürlich wäre es klüger, in solchen Phasen an den Baikalsee zu reisen.
Ich bin aber nicht klug.

Vor allem nicht, wenn ich weiß, wie gut mir mein Lieblings-Robinson Club im Februar gefällt: wenig Leute, wunderbar kühl-sonniges Klima, traumhafte Stunden alleine im Liegestuhl, in der Sauna und am Nachtischbuffet.
Gedacht, getan.

Zwei Tage später schlappe ich im Bademantel über das Clubgelände Richtung Sauna.
Was bin ich doch für ein Glückspilz, denke ich, und recke meine Nasenspitze Richtung Sonne.

Alleine in der Sauna liegend fällt mir wieder siedendheiß ein, daß ich im Mai 40 werde.
Und 40-jährige können kein appetitlicher Anblick mehr sein.
Früher lag man in meinem Alter schon in einer anderen Kiste.
Weniger heiß.

Das hätte ich mir vielleicht überlegen sollen, bevor ich mich nackig exponiere.
Vor der Glastür maschieren durchtrainierte Kerle vorbei.
Ich ziehe mir das zweite Handtuch über die Hüften und sinniere über die goldenen Jahre.
Jaul.

Nun muß ich nur noch unbesehen unter die Dusche kommen.
Geschafft!
Der Schlauch läßt das eiskalte Wasser auf meinem Körper prickeln.
In den nächsten Sekunden dürfte ich straff sein wie ein frisch gepflückter Pfirsich.
Vorübergehend.

Als ich mich runterbeuge, um den Schlauch aufzuhängen, sehe ich einen Schatten neben mir.
Ich blicke hoch und geradewegs ins Gemächt eines jungen Mannes.
Er steht neben den Duschen und blickt mich unverwandt an.

Irritiert starre ich zu den freien Kabinen neben mir.
Der will doch nicht ernsthaft vorgeben, ausgerechnet auf diesen Wasserschlauch zu warten?
Will er doch.

Ich dusche reflexartig weiter.
Eiskalt.
Was etwas anstrengend ist mit eingezogenem Bauch.

Den Tod werde ich mir holen, wenn ich nicht langsam den Rückweg antrete.
Beherzt drehe ich den Hahn zu und mich um.
Ich glaube, der braucht jetzt auch Abkühlung.

Im Vorbeigehen nehme ich seinen Waschbrettbauch wahr.
Schade, daß ich biologisch fast seine Mutter sein könnte.
Für eine Sekunde hatte ich vergessen: Ich werde ja bald...

Zwischen mir und dem kühlenden Außenbereich sitzen zwei ältere Damen an einem Tisch.
Eine rutscht schräg auf ihrem Stuhl herum und fummelt unter ihrem halbgeöffneten Bademantel.
Ich erblicke Dinge, die ich nicht wissen wollte und schaue betreten weg.

Sie sagt „Hallo“ und ich muß nochmal schauen.
Richtig, es ist eine meiner Tischnachbarinnen vom Frühstück.

„Geht schlecht an“, sagt sie.
Das sehe ich auch.
Der nasse Badeanzug hängt auf Halbmast und geht nicht vor oder zurück.
Das hält sie aber nicht davon ab, ein nettes Pläuschchen zu beginnen.

Endlich.
Sie gibt auf und verschwindet Richtung Umkleidekabine.

Ich will meinen Weg fortsetzen, halte es aber dummerweise für zu unhöflich, die andere Dame wortlos sitzen zu lassen.
„Und Sie gehen nicht in die Sauna?“
„Ich würde ja gerne“, sagt sie.

Ich verschiebe meinen Abmarsch.
„Wenn da nicht dieser furchtbare Ausschlag wäre.“
Wäre ich mal unhöflich gewesen.
„Am ganzen Köper. Sie glauben es nicht!“
Doch, doch, ich glaube es.
Unbesehen.

Wirkt nicht glaubwürdig genug.
Sie beginnt, Ihre Bluse aufzuknöpfen.
Bevor ich ein zweites „Ich kanns mir vorstellen. Wirklich!“ zuende gesprochen habe, liegt ihr Dekolleté pustelübersät vor mir.
Ich glaube es wirklich nicht.
Als sie beginnt, ihre Hose zu öffnen, brülle ich: „Ich kann mir den Rest vorstellen.“

Beim Rausrennen sehe ich am Nachbartisch einen der appetitlichen Schnuckel aus dem Fitness-Bereich.
Hat auch eine Hose an.
Könnte er auch mal aufknöpfen, um mir was zu zeigen.
Tut er aber nicht.
Bin ich jetzt in einem Alter, in dem ich nur noch Pusteln zu sehen bekomme?

Ich lege mich auf die Liege und denke versonnen ans Abend-Buffet.
So weit ist es schon.

Beim Abendessen sitzt eine attraktive Frau mit einem ebenso gepflegten Kind neben mir.
Etwas übergepflegt vielleicht.
Es sieht aus wieder kleine Lord.

„Bist Du auch allein hier?“, frage ich.
„Ja.“, sagt sie. „Mein Kind ist schwer krank.“
Die arme Frau, denke ich. Allein mit todkrankem Kind.
Sicher vom Mann verlassen.
Der Schuft.

Ich wage gar nicht zu fragen, was der Kleine hat.
Sie will sicher nicht darüber reden.
Doch sie will.
Allergien hat der Junge und verträgt das Klima auf Mallorca besser.
Sie überlege, ein Haus hier zu kaufen.
Ui, denke ich, wenigstens zahlt der Ex gut.

„Hach“, stöhnt sie „dann habe ich natürlich eine Menge zu organisieren.“
Die arme Frau.
„Unser Haus in der Schweiz, das in Bad Homburg und dann auch noch Mallorca. Das ganze Personal...“
Ich schaue von meinem Teller hoch.

„Mein Mann muß schließlich arbeiten.“
Das kann ich mir ebenfalls vorstellen, wenn er einen Immobilienpark finanzieren muß.
„Und was machst Du?“
Ich?
Ich entschuldige mich und verschwinde ans Buffet.

Die Achter-Tische im Restaurant haben Vor- und Nachteile.
Der Vorteil: wenn einem jemand bei einer Mahlzeit gepflegt auf die Nerven gegangen ist, kann man bei der nächsten sein Glück mit sieben neuen Gesprächspartnern versuchen.

Schwierig nur, wenn man gerade – sagen wir es vorsichtig – etwas unkommunikativ ist.
Weil man daran denkt, demnächst 40 zu werden.

Dann bekommt man am dritten Tag, wenn man bereits 23 mal die Frage beantwortet hat, was man beruflich macht, was man genau beruflich macht, wie man sich das vorstellen muß, was man genau beruflich macht und wie man dazu gekommen ist, das zu wählen, was man da ganz genau beruflich macht, hektische Flecken im Gesicht.

Während ich mir eine Gabel Fisch in den Mund schaufele, fragt mich die Dame zur Linken, ob ich gleich mit zur Show gehe.
„Ich gehe direkt ins Bett.“ lächele ich.
„Kennst Du die Show schon?“
„Nein, ich bin nicht soo der Show-Fan“.
„Aber die ist toll.“
„Das glaube ich.“
„Also kommst Du mir?“
„Nein.“
„Aber wenn Du sie nicht kennst, ...-“
„Die nicht, aber andere.“
„Aber..“

Ich brauche auch nicht den Hammer-Hersteller zu wechseln, um zu wissen, daß es schmerzt, wenn ich mir damit auf den Kopf haue.
Das kann ich nicht sagen.
Also gehe ich zum Buffet.

Am Ende der sieben Tage wiege ich 2kg mehr.
Creme Catalan, Mandelgebäck, Nuss-Eis, Sahnetörtchen, weiße Pralinen, Himbeerschnitten.
Reine Notwehr. 

Kommentare :

  1. Pia, mal abgesehen davon, dass ich gerade wieder sehr lachen musste: Ich dachte Du bist 30. So um den Dreh. Also höchstens. Ehrlich. Und ich kann Dich so gut verstehen, bin ja auch schon quasi scheintot, also zahlenmäßig, und bemühe mich, möglichst nicht daran zu denken.

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    1. Merci, merci, die Dame!
      Und das von einer maximal 25-jährigen!! ;-)

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