Soll sich schon mal jemand nach einem Facharzt totgesucht haben




Wie die Neurologensuche weitergegangen ist?

Der Dringlichkeitscode war verbraucht. Sinnfrei. Da Neurologe 2 nicht mehr als Neurologe arbeitet. Trotzdem weg der Code.

Am Freitag nach meinem Termin bei Neurologe 2, der mir eine Art Empfehlungsschreiben an den potentiellen Neurologen 3 schreiben wollte, solle ich bei der großen neurologischen Gemeinschaftspraxis anrufen.

Ich rufe an.
Warteschleife.
Warteschleife.
Warteschleife.
Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an.
Timer stellen.
Ich rufe an.
Warteschleife.
Aber das kennt Ihr ja bereits.

Jemand geht dran.
Ich erzähle, daß ein Brief von Neurologe 2 dort läge, der mich avisiert für Neurologe 3.
Sie sucht,
Vielleicht doch per Mail?
Sie sucht.
Vielleicht mit dieser Adresse oder jener?
Die arme Frau sucht.
Nix
Kein Papierbrief zu finden.
Keine E-Mail mit meinen anderen Arztunterlagen zu finden.

Rufen Sie doch "mal eben" bei Neurologe 2 an.
Ich bekomme Schnappatmung.
Wir nehmen nämlich keine neuen Patienten mehr auf. Nur, wenn jemand als dringender Fall von einem anderen Arzt weitergeleitet wird.
Ich bin bald ein dringender Fall. Für die Psychiatrie.

Anruf bei Neurologe 2
Sie rufen außerhalb unserer Sprechzeiten an.
Hat offenbar andere als Neurologe 3.
Timer stellen.
Ich rufe an.
Warteschleife. Das Übliche.

Jemand geht dran.
Erzähl, erzähl, erzähl.
Der Doktor würde mich zurückrufen.

Ab jetzt keinen Schritt mehr ohne Smartphone.
Smartphone auf dem WC.
Nicht mehr hinlegen und schlafen.
Keine Haare fönen.
Wenn Ärzte wüßten, was wir veranstalten, um ja keinen Anruf zu verpassen. Das würde ich nicht mal für eine sexy Granate praktizieren.

Ich verpasse aber keinen Anruf. Er kommt nicht.

Dafür eine Mail von Neurologe 2. Er habe den Brief eingeworfen und wisse leider auch nicht, was passiert sei. Das glaube ich ihm. Und finde es super nett, daß er ihn überhaupt geschrieben hat. Vielen Dank an dieser Stelle nochmal! Hilft mir nur gerade nicht weiter.

Nun habe er den Brief nochmal ausgedruckt. Ich könne ihn abholen und bei Neurologe 3 vorbeibringen.
Klasse Idee das mit dem Abholen..

Heißt:
Mit dem Rad zur S-Bahn fahren.
In die Stadt reisen.
Zum Neurologen latschen.
Brief abholen.
Mich zurück zur Bahn schleppen.
Zum nächsten Neurologen fahren.
Hin latschen.
Mich vorstellen und locker zehn Minuten erklären, warum ich dort mit einem Brief stehe.
Bitten. Betteln. Vermutlich Klatsche einfangen.
Schnappatmung beruhigen.
Zurück zur Bahn latschen.
In meinen Stadtteil fahren.
Mit dem Rad nach Hause.
Um einen Brief von A nach B zu bringen.
Würde mich 2-3 Tage Energie kosten.

Ergebnis? Wäre offen.

Der Brief liegt noch heute dort. Leider. Ich habe das nicht geschafft. Ich habe plötzlich gar nichts mehr geschafft. Körperlich nicht. Und seelisch erst recht nicht.

Was natürlich kein Wunder ist, wenn man bedenkt, daß ich mich mal so nebenbei ein halbes Jahr mit Wohnungssuche verausgabt habe, dann den Umzug alleine gemanagt, alles in Mauseschrittchen ausgepackt und geräumt und nonstop all meine nicht vorhandene Energie in dieses Gesundheitssystemtheater gesteckt habe. Für Nix und wieder Nix.

Zeit, in der ich nette Menschen hätte kennenlernen können. Oder Hamburg. Oder einfach nur auf der Couch eine Runde Amazon Prime bingewatchen, um meinem mörderverausgabten Körper die Chance zu geben, auf normal schlecht hochzugesunden.

Und in all den Monaten pro Woche im Schnitt drei Stunden Energie über, um irgendetwas zu unternehmen, das nicht nur existentiell notwendige Plage ist. Und die leere Positivwaagschale bevölkern könnte.

Wenn ich zur Zeit nur einen der 200 Notizzettel sehe, auf denen steht, wen ich nach welchem Praxis-Urlaub, Umbau, Mittagspause - was auch immer - wegen XY noch anrufen muß, bekomme ich gerade einen hysterischen Anfall.

Ich kenne durch meinen Blog inzwischen viele chronisch Kranke. In derselben Lage. Nicht die Krankheit bricht uns das Genick. Die, die ich kenne, meistern ihre Einschränkungen, Schmerzen und Leiden ganz wunderbar. Sie sind tapfer. Und akzeptieren die Situation. Und all das, was ihnen schrittweise genommen wurde. Immer wieder. Über Jahre. Jahrzehnte.

Woran wir aber seelisch zugrunde gehen, ist die Außenwelt. Unverständnis und der zusätzliche 24/7-Kampf gegen ein System, das eigentlich dafür erdacht war, kranke Menschen zu unterstützten. Es aber nur bedingt macht. Was niemand bemerkt, der sich nur mal eben so ein Bein bricht. Oder einen Furunkel anzüchtet.

Und da gebe ich nicht den Ärzten die Schuld! Ein Arzt ist auch nur ein Mensch und kein Robin Hood. Ärzte müssen ein kleines Unternehmen führen. Und wenn das Gesundheitssystem auf der einen Seite 200 Seiten Dokumentation für jeden Vorgang fordert, auf der anderen aber nur 3,50€ pro Quartal für einen Patienten zahlt, bleibt das Menschliche auf der Strecke. Und Chroniker erst recht. Vor allem, wenn sie keine Krankheit haben, an der die Pharmaindustrie gut verdienen kann.
Da könnte man durchaus mal drüber nachdenken in der Politik.

Eine gute Nachricht habe ich aber zum Schluß: in der Zeit, in der andere ein Kind bekommen, habe ich nun doch noch eine Neurologin gefunden. Fachärztin Nr. 1 hätte ich damit schon mal. Passend zum Nervenzusammenbruch.


Termin beim Neurologen finden oder doch lieber den Yeti jagen?



Erinnert Ihr Euch noch, wo ich war? Irgendwo in Akt 5 einer großen Aufführung vom Gesundheitssystemtheater. Mit 25 Handlungssträngen parallel. Bleibe ich mal beim Handlungsstrang "Neurologen-Termin".

Ich hatte also FÜNF Monate auf meinen ersten Neurologentermin hier in Hamburg gewartet. Nach fünf Monaten und fünf Minuten erfuhr ich: Neurologe 1 fühlt sich nicht zuständig. Weil ihm der Schrägstrich Psychiater fehlt, um mir die Medikamente zu verschreiben, die ich aus nicht-psychiatrischen Gründen benötige, aber dennoch von einem Psychiater verschrieben bekommen muß. Man muß nicht alles verstehen.

Zurück auf Null.

Dann war ich bei einer Spezialsprechstunde für meine Mastozytose. Mir wurden 45l Blut abgezapft und der Auftrag für eine Untersuchung bei einem Endokrinologen und bei einem Neurologen erteilt. Nur zur Sicherheit. Bevor ich die Ergebnisse von diesen zwei Ärzten nicht habe, geht es in der Sprechstunde nicht weiter. Ich richte mich langsam auf Sommer 2018 ein.

Untersuchen wird er ja wohl können, dachte ich mir, und rief wieder bei Neurologe 1 an.

Ja, untersuchen kann er. Einen Termin erhalte ich aber erst in weiteren fünf Monaten.
Ja, aber, ich bin doch schon Patientin, rief ich ins Telefon. Voller Panik, daß die Dame auflegt und ich nochmal Stunden in einer Warteschleife hänge.
Ja, sagte die Dame. Das ist egal.
Wie egal?
Das dauert so lange.

Zurück auf Null.

Kopf auf die Tischplatte schlagen und von vorne beginnen. Wochenlang tot suchen. Dann bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) mit Dringlichkeitscode einen Termin bei Neurologe 2 erhalten. Nur zwei Wochen Wartezeit. Weihnachten und Ostern zusammen.

Die zwei Wochen sind rum.
Am D-Day stecke ich mitten in eine Mastozytose-Migräne-Schub. Ich muß aber jetzt dahin. Tot oder lebendig. Ein ordentlicher Schluck Kortison extra muß es richten.

Ich schleppe mich zur Bahn und gurke in die Stadt. Allein der Weg von der Bahn zum Neurologen dauert 10x so lange wie sonst. Aber ich bin da. Vermutlich sehe ich aus wie eine Leiche. Und die ist schlecht fürs Geschäft. So komme ich erstaunlich schnell dran.

Ich hätte Sie ja gestern so gerne angerufen, sagt Neurologe 2. Aber ich hatte Ihre Nummer nicht.
Warum angerufen?
Weil ich die Untersuchung nicht machen kann.
Warum??
Weil ich keine Geräte habe.

Pause. Schweigen im Raum. Ich befürchte, er hält mich für schwer von Begriff.

Ich habe keine Geräte in meiner Praxis. Ich kann die Untersuchung nicht machen.
Ich bin jetzt umsonst zu Ihnen gekommen???!!!
Leider ja.
Ich bin jetzt wirklich umsonst hier hin gegurkt??????????????!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Ich hätte Sie ja gerne angerufen, aber...
Wie kann es denn sein, daß Sie Neurologe ohne Geräte sind???
Weil ich nicht mehr als Neurologe praktiziere.
Und - Schnappatmung - warum werden Sie dann bei der KV als Neurologe geführt???!

Nun, der nette Arzt hatte versucht, das bei der KV streichen zu lassen. Ging aber nicht. Weil er die Zulassung als Neurologe hat. Und dann wird er da als Neurologe geführt. Und bekommt Termine als Neurologe zugewiesen. Egal, ob er als solcher tätig ist.

Ich habe eine Vagina. Also habe ich auch die Zulassung zur Prostituierten. Bin aber nicht als solche tätig. Würde aber, nach dem deutschen Gesundheitssystem, als solche geführt.


Da kämen dann reihenweise Herren an meine Tür und ich sach fröhlich: Ätsch. Ich hab lediglich die Zulassung.

Ich tick aus. Ich kann nicht mal mehr viel sagen, so sehr ticke ich aus. Bekomme kaum noch Luft. Und fasel immer dasselbe. Daß ich seit acht Monaten versuche, einen Termin bei verschiedenen Fachärzten zu bekommen. Nonstop. Auf allen Wegen. Bisher völlig ohne Erfolg. Daß er schon der zweite Neurologe ist, vor dem ich völlg sinnlos sitze. Ob er eine Ahnung hätte, was es für einen Menschen wie mich bedeutet, sich aus dem Haus zu schleppen, quer durch Hamburg, für NIX. Für absolut rein gar NIX???

Und daß jetzt mein Dringlichkeitscode verbraucht ist. Ich also nicht nochmal bei der KV anrufen kann. Und wieder zu einem Arzt muß, der mir einen neuen Dringlichkeitscode ausstellt. Um dann wieder in den Warteschleifen zu hängen. Und wieder wohin zu gurken. Und wer weiß, was dem dann wieder einfällt.

Während ich das fasele, bekomme ich Sorge, daß er gleich zwei Jungs mit Zwangsjacke aus dem Schrank zieht.

Ich weiß, er würde mich gerne loswerden.

Ich bleibe aber jetzt hier sitzen und schnappe so lange nach Luft und fasel rum, BIS ER ETWAS UNTERNIMMT, DAS MIR HELFEN KÖNNTE.


Ich glaube, das wird ihm auch langsam klar. Er sucht ein paar Namen von Gemeinschaftspraxen heraus.
Hier, sagt er, da praktizieren elf Neurologen. Da bekommen Sie sicher einen Termin.

Ich schnappe schon wieder nach Luft. Dieser freundliche Arzt hat in seinem Leben sicherlich noch NIE NIE NIE als Kassenpatient einen Termin bei einem Neurologen vereinbaren müssen.

Außerdem kenne ich die Praxis. Die nehmen keine neuen Patienten. Gar nicht.
Das könne er sich nicht vorstellen.
Ich schon.
Rufen Sie da doch mal an, sagt er und möchte mich hinaus begleiten.
Mich begleitet aber jetzt niemand hier raus.

Wir haben Mittagszeit, sage ich.
Ach, da ist immer jemand da.
Oh Herr, jeder Arzt sollte mal ein halbes Jahr Kassenpatient sein.
Ich rufe an. "Sie rufen außerhalb.."
Er wundert sich. Ich nicht.

Als dem Arzt dämmert, daß ich vorhabe, bis zum Feierabend da zu sitzen, kommt ihm eine Idee: er könne einen Brief schreiben, der mich als Patientin empfiehlt in der Praxis.

So weit ist es schon gekommen in unserem Gesundheitssystem: als Patient braucht man Empfehlungsschreiben, um überhaupt behandelt zu werden. 


Nach dem Motto: Patient XY hat eine besonders hübsche Schizophrenie gepaart mit Alkoholismus und abplatzenden Zehennägeln..
Oh geil, den finde ich interessant. Nehme ich als Patient.

Er verspricht mir hoch und heilig, den Brief heute noch zur Post zu bringen.
Das finde ich sehr nett von ihm. Und mache mich auf den Heimweg.

Erschöpft. Noch kränker. Verzweifelt. Desillusioniert.
So sollte das Gesundheitssystem auf Patienten wirken.
Oder nicht?



Frau E. und die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigung

Arzt, Facharzt, Termin, Krankenhaus, Krankheit, Skelett, Fenster, Röntgenbild, Blog, Humor, Frau E. notiert
Und dann bekam ich doch noch einen Termin...

Wo war ich stehengeblieben in der Facharztterminstory?
Ach, ja, ich erinnerte mich, daß es nun eine Stelle geben soll, bei der Patienten innerhalb von vier Wochen einen Facharzttermin erhalten.

Ich rufe bei meiner Krankenkasse an.
Person 1 weiß nix, verbindet mich mit Nr. 2.
Nr. 2 hat mal davon gehört und fragt Nr. 3.
Nr. 3 sagt, das wäre bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Ich erhalte eine Nummer.

Nr. 1 bei der KV sagt, das wäre sie nicht, gibt mir aber die richtige Nummer.
Bei der richtigen Nummer lande ich in der Warteschleife.
Nach zehn Minuten verliere ich die Geduld und beginne, parallel zu kochen.
Dann esse ich parallel.

Chronisch krank? Ein Fulltime-Job! Beispiel: Arzttermine ergattern



Hier kommt ein Stimmchen aus dem Off. Ihr denkt vermutlich: Ach, die Frau E., die sitzt schön an der Alster und erholt sich von dem einjährigen Streß. Und lernt schön in Ruhe Hamburg kennen. Ganz ehrlich: nach insgesamt über sieben Monaten kenne ich von Hamburg nicht gravierend viel mehr, als vor meinem Hinzug. Und das war nicht viel. Warum?

G20: Ein paar Gedanken vor der Rückehr in die Normalität




Nun ist der Gipfel vorbei, die ersten Wunden Hamburgs sind beseitigt. Das Netz ist voll mit guten Texten. So zweifele ich natürlich, ob es Text Nr. 250.000 auch noch braucht? Vermutlich nicht. Aber die Gedanken zu meinen wesentlichen Fragezeichen sind bereits getippt, wie immer, wenn mich etwas beschäftigt und ich es verarbeiten muß.

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